Kapitel 7.1: Das Echo der Leere – Wenn das Herz bricht, aber der Verstand weiterschlägt
- Carsten Bernhardt

- 6. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Es gibt eine Stille, die lauter ist als jeder Maschinenlärm. Es ist die Stille in Werner Schmidts Brust in dem Moment, als der Holzhammer des Rechtspflegers in Rudolstadt auf das Pult trifft. Klack. Ein kurzes, trockenes Geräusch. Es klingt nicht nach Recht. Es klingt nach einer Hinrichtung.
Der Raub der Identität
Stell dir vor, du bist Werner. Deine Hände haben über 40 Jahre lang Metall gespürt, Pläne gezeichnet, Fundamente gegossen. Jeder Stein in Triptis trägt deinen Fingerabdruck. Du hast nicht nur eine Firma gebaut, du hast ein Universum erschaffen, in dem 40 Familien sicher schlafen konnten, weil du die Verantwortung getragen hast.
Und nun stehst du in diesem sterilen Saal. Du riechst nicht das Öl der Maschinen oder den Kaffee aus der Kantine. Du riechst nur den fahlen Geruch von altem Papier und Desinteresse. Du bist nicht mehr der „Chef“, nicht mehr der „Ingenieur“. Du bist eine Nummer in einem Verteilungstermin. Diese totale Entwertung deiner Existenz ist wie ein körperlicher Schmerz – ein Druck auf der Brust, der dir den Atem raubt, während die Bankvertreter über dich hinwegsehen, als wärst du bereits aus Glas.
Der Verrat der „Brüder“
Was diesen Moment so unerträglich macht, ist die Gesichter derer zu sehen, mit denen man einst am Tisch saß. Die Männer von der Bank. Früher warst du ihr Kollege im Verwaltungsrat, ein Mann, dessen Wort Gewicht hatte. Heute betrachten sie dich wie eine „notleidende Position“, die man bereinigen muss.
Dieser Verrat fühlt sich an wie Säure im Magen. Es ist die Erkenntnis, dass all die Jahre der Loyalität, der korrekten Arbeit und des sozialen Engagements in der Welt des Kapitals genau null Gramm wiegen. In diesem Moment begreift Werner: Die Welt, an die er geglaubt hat – eine Welt der Ehre und des Handschlags –, existiert nicht mehr. Er steht in den Ruinen seiner eigenen Moral.
Das Inventar der Seele
Während der Rechtspfleger die Flurstücke verliest, wandern Werners Gedanken zurück in die Hallen. Er sieht seine Maschinen. Er sieht die Erfindungen, die noch in seinem Kopf reifen. Er sieht den einachsigen Rollstuhl.
Und dann sieht er die Ersteher. Er sieht die Gier in ihren Augen, diesen gierigen Glanz von Menschen, die nur den Preis kennen, aber niemals den Wert. Es ist die reine Qual zu wissen, dass diese Leute nun über seine „Heiligtümer“ verfügen wollen. Dass sie seine Lebensleistung als „Beifang“ betrachten. In diesem Moment möchte man schreien, aber die Stimme ist belegt von dem Gefühl, das er später beschreibt: Etwas liegt ihm im Magen. Es ist der unverdaute Brocken des Unrechts. Es ist die Galle der Ungerechtigkeit, die hochkommt, wenn man sieht, wie Diebe vom Gesetz geschützt werden.
Die Einsamkeit des Genies
An diesem Tag in Rudolstadt stirbt die Hoffnung, dass die Welt logisch ist. Werner fühlt sich wie ein Pilot, der alle Instrumente perfekt bedient hat, während das Flugzeug dennoch zerschellt, weil jemand am Boden die Landebahn gestrichen hat.
Es ist eine Einsamkeit, die man kaum in Worte fassen kann. Das Gefühl, der Einzige im Raum zu sein, der noch weiß, was „Richtig“ und „Falsch“ bedeutet. Alle anderen spielen ein Spiel aus Fristen, Zinsen und Aktenzeichen. Werner aber spielt um sein Leben. Und er verliert in diesem Moment alles – außer seinem Verstand. Und genau dieser Verstand ist es, der ihn quält, weil er den Betrug bis in die letzte Nachkommastelle durchschaut.
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