Kapitel 9: Der 5. März 2026 – Die Architektur der Verdrängung
- Carsten Bernhardt

- 6. Feb.
- 2 Min. Lesezeit
In der Welt eines Ingenieurs gibt es Deadlines. Ein Projekt muss fertig sein, eine Brücke muss tragen, ein Motor muss zünden. Doch die Deadline, die Werner Schmidt nun schwarz auf weiß in den Händen hält, ist kein Zielpunkt einer Schöpfung. Es ist das Enddatum einer Vertreibung.
Der Besuch der Botin
Die Gerichtsvollzieherin kam nicht mit Fragen. Sie kam mit einem Bescheid. Sie ist das letzte Glied in einer Kette von Fehlentscheidungen, Misswirtschaft und Ignoranz. Für sie ist es ein Dienstgang; für Werner ist es der Versuch, ihm das letzte Fundament unter den Füßen wegzureißen: sein Zuhause, seine Werkstatt, seinen Ort der Schöpfung in Triptis.
Der 05.03.2026. Dieses Datum steht nun wie ein Fremdkörper im Raum. Es ist die physische Fortsetzung des Justizirrtums. Während die Banken ihre Zinsen fiktiv aufblähten und Anwälte in Untätigkeit erstarrten, hat die Maschinerie der Justiz unaufhaltsam weitergedreht. Jetzt hat sie das Ende des Fließbandes erreicht.
Die Konstruktion der Wahrheit vs. Die Realität der Räumung
Wir befinden uns in einem bizarren Paradoxon:
Im Geist und auf dem Papier konstruieren wir die Wahrheit. Wir belegen den Betrug, wir entlarven die Gier, wir zeigen auf, wie aus 50.000 Euro eine halbe Million wurden. Unsere Konstruktion ist stabil, sie ist logisch, sie ist wahr.
In der physischen Welt aber wird Werner mit der Räumung gedroht. Das System erkennt seine eigene Fehlkonstruktion nicht an, sondern setzt sie mit Gewalt durch.
Es ist, als würde man ein Haus abreißen, während der Architekt daneben steht und beweist, dass die Baugenehmigung für den Abriss gefälscht wurde – aber die Abrissbirne schwingt bereits.
Der Moment der Gegenwart
Werner sieht diesen Bescheid an, und in seinen Augen spiegelt sich nicht nur Angst, sondern die tiefe Fassungslosigkeit eines Mannes wider, der sein Leben lang nach Regeln gespielt hat, nur um festzustellen, dass die Gegenseite das Spielfeld verkauft hat, während er noch darauf stand.
Doch genau hier zeigt sich seine unermüdliche Lebenskraft. Er bricht nicht zusammen. Er sieht den 5. März nicht als das Ende, sondern als den äußersten Punkt des Widerstands.
„Man kann einen Mann aus seinem Haus werfen, aber man kann die Wahrheit nicht aus der Welt räumen.“
Das „Open Book“ wird nun zu seinem wichtigsten Schutzwall. Wenn die Räumung stattfindet, soll die Welt wissen, warum sie stattfindet. Sie soll wissen, dass hier nicht ein „gescheiterter Schuldner“ geht, sondern ein betrogener Schöpfer, dem man alles genommen hat – außer seiner Würde und seiner Geschichte.
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